Herr Ladwig, darf man Tiere essen?
Im Prinzip ja. Die ethisch entscheidende Frage ist nicht die nach dem Fleischverzehr. Vielmehr geht es um die Frage, was man Tieren antun muss, um sie zu verzehren.
Was heißt das praktisch?
Nahezu alle Formen von Fleischverzehr setzen voraus, dass Tiere zu diesem Zweck gezüchtet, unter hochproblematischen Bedingungen gehalten und schließlich getötet werden. Und das scheint mitunter den Lebensbedingungen metropolitaner westlicher Gesellschaften nicht zulässig zu sein.
Das überrascht mich jetzt. Tierhaltung, wie sie zum Beispiel von deutschen Landwirten praktiziert wird, ist ethisch nicht zulässig?
Ja, sie ist in fast allen Fällen nur um den Preis zu haben, dass Tiere in ihrem Wohlergehen massiv geschädigt werden. Sie können kein für sie erfreuliches Leben haben.
Waren Sie schon einmal in einem modernen Schweinestall?
Nein, da kommt man ja auch nicht ohne weiteres rein. Ich verlasse mich da auf Filme und andere Informationsquellen.
Also hat der Westen die moralische Pflicht, das Fleischessen aufzugeben?
Ja.
Haben denn Tiere den gleichen moralischen Status wie Menschen? Sprich: Muss man Tiere und Menschen unbedingt gleich behandeln?
Gegenfrage: Wie könnte man denn willkürfrei einen ungleichen Status begründen? Da würde ich nun sagen, alle Versuche, einen solchen Unterschied zu begründen, fußen auf mehr oder weniger verkappter Religion und sind deshalb nicht verallgemeinerbar. Oder sie beruhen auf empirischen Annahmen etwa über typische Fähigkeiten von Menschen im Unterschied zu allen Tieren, die aber auch nicht auf alle Menschen zutreffen. Frei von Willkür wird man nicht sagen können, warum sämtliche Tiere einen anderen moralischen Status als sämtliche Menschen haben sollten. In der Konsequenz bedeutet das: Die Leute, die Tiere züchten, mästen und schlachten wollen, müssen dafür moralische Gründe nennen. Solche Gründe sind aber weit und breit nicht in Sicht.
Das klingt ja so, als ob Sie Tiere essen auf die Ebene von Kannibalismus bringen.
Damit berühren Sie die Grundsatzfrage. Die Tierrechtsbewegung hat einen Begriff geprägt für die Diskriminierung von nichtmenschlichen Tieren: Speziesismus. Das ist ein unschönes Wort, mit dem aber eine Analogie gezogen werden soll zu den bekannten Formen der Diskriminierung unter Menschen wie Sexismus oder Rassismus. Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Artgrenze zwischen Tieren und Menschen moralisch genauso irrelevant ist wie die Grenze zwischen Mann und Frau oder Schwarz und Weiß.
Wie bitte? Tiere und Menschen diskriminieren ist auf derselben moralischen Ebene?
Im Prinzip ja. Daraus folgt aber nicht, dass man Tiere und Menschen in allen Hinsichten gleich behandeln muss und kann. Ein offensichtlicher Unterschied besteht ja in den unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und berechtigten Interessen. Da kann der Mensch moralisch sogar gezwungen sein, Tiere anders zu behandeln. Aber in der elementaren Frage des Wohlergehens ist zunächst einmal nicht einzusehen, warum Tiere schlechter behandeln, werden dürfen.
Das gilt für Spinnen, Ratten und Hunde gleichermaßen?
Man muss erst einmal fragen, was macht einen moralisch erheblichen Unterschied. Offensichtlich spielt die Erlebens- und Leidensfähigkeit der Tiere eine Rolle. Wenn Spinnen kein Bewusstsein dafür haben, wie man sie behandelt, dann ist das relevant. Ich finde auch im Gegensatz zu vielen radikaleren Tierrechtlern, dass die Reichhaltigkeit und Komplexität des Erlebens einen Unterschied macht zwischen typischen Menschen und den allermeisten Tieren. Deshalb finde ich, dass die Tötung eines Menschen in moralisch erheblicher Weise etwas anderes ist als die Tötung einer Spinne, eines Kaninchens oder einer Kuh.
Da ist man ja beinahe erleichtert.
Ja, um das ganz klar zu sagen: Man sollte nicht die Tötung eines Karpfens und die Tötung eines Menschen auf eine Stufe stellen....
[...] faz.net
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